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OPERNKRITIKEN

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Fiorenza Cedolins und Toscas Größe

Der Sopran triumphiert in der kolossalen Inszenierung von de Ana - An ihrer Seite ein hervorragender Alvarez

Szenische Effizienz und musikalisch-stimmäßiges Können ergeben eine bezaubernde Darbietung der Hauptdarstellerin. Cavadarossi ist liebevoll und leidenschaftlich mit seiner wunderbaren Stimme. Wechselhaft ist Raimondis Aushalten. Oren dirigiert auf plastischer und lebendiger Art.

Von Cesare Galla

Hugo de Ana liebt große Flächen und szenische Großartigkeiten, auch wenn letztere nicht unbedingt von den Flächen beeinflusst wird. Der argentinische Regisseur zeichnet seine zweite Regie in der Arena: Die erste war der Nabucco in Jahre 2000, eine umstrittene doch geniale Inszenierung, die als Symbol für die szenischen Erneuerungen in der Arena gilt. Der Regisseur bestätigt auch hier seine künstlerische Linie, denn er ignoriert in der Substanz das Denkmal Arena und vernichtet sogar ihre Formen (der Bogen der Stufen im Bühnenhintergrund, die Leere) und zeigt darstellende und visionäre Szenen, denen in ihrer Erhabenheit im wesentlichen traumähnliche Bedeutungen zustehen, in einer Theatralik, die zugleich eine symptomatische, auch überwältigend-kolossale Darstellung und eine Feinheit der Charaktere ist.

Tosca ist keine massengefüllte Oper (vom Finale des ersten Aktes abgesehen), sondern ein Drama voll zerstörender psychologischer Gegenüberstellungen, psychischer und physischer Gewalt, und die Leitlinien des "Systems" werden in dieser Regie bestätigt. Ein starkes und überragendes Symbol ist der Engel, der in der Inszenierung zum Kernpunkt wird, Alpha und Omega des Grand-Guignol, in dem alle Beteiligten an dieser Tragödie verschwinden. Mitte auf der Bühne steht dieser riesige Marmorkopf, der in den ersten Szenen in der Kirche von Sant´Andrea della Valle von schwarzen Schleiern bedeckt wird, und er überragt auch den Eintritt des grausamen Scarpia. Links von ihm sieht man einen kolossalen Arm mit einem sehr langen Schwert: Zu Beginn ist er erhoben, doch beim dritten Akt senkt er sich, um mit dieser Bewegung die erschreckende Unabwendbarkeit des Schicksals hervorzuheben; rechts davon die riesige Faust, die die Scheide hält. Im Proszenium sind seitlich Kanonen aufgestellt: sie bedeuten, dass der Krieg mit den gewonnen oder verlorenen Schlachten Hintergrund dieses Dramas ist, und dass der Krieg beinahe sichtbar wird, als in der Kirche das "Te Deum" angestimmt wird.

Dahinter wird die Perspektive der Stufenreihen durch eine große, schräge und anthrazitfarbene Wand verdeckt; sie dient als Raumabgrenzung und pendelt, wie de Ana oft und gerne tut, zwischen Archaismus und Futurismus; sie wird auch als eine Art Spiegel benutzt, auf dem einschneidende Lichteffekte projektiert werden. Ab und zu werden die Wandteile hochgehoben und aus ihnen treten beim machtvoll-erstarrenden "Te Deum" die mumienähnlichen Kardinäle hervor. In einer anderen Szene lässt die Wand das große Gefängnis der Engelsburg und einen Gefangenen hinter Gittern ahnen. Es sind eher dekorative als substantielle Erfindungen, die fürs Auge filmhafte Eindrücke hinterlassen, Bilder zu einem grandiosen, plastischen Rahmen in dem der Regisseur das Wesentliche setzt. Dürftige Einrichtung und Szenengegenstände sind auf der Bühne zu sehen. Die Kirche von Sant´Andrea della Valle "besteht" aus einem Kreuz, einigen Kerzenhaltern und einem Madonnenbild auf der Seite, das Scarpia bei seinem Eintritt regelrecht niederreißt. Dies sollte ein Theatercoup sein, doch Ruggero Raimondi ist unglücklicherweise darüber gestolpert und musste den Satz, den er bei seinem Kircheneintritt sagt, kniend singend. Palazzo Farnese ist nur mit wenigen Möbeln ausgeschmückt, der Ort der Hinrichtung ist leer. Cavadarossi ist an einem Kreuz gefesselt und stirbt, durchbohrt von einer Unzahl von Schüssen.

Die traditionellen, ausgesuchten und sehr eleganten Kostüme entsprechen der Epoche, in der sich das Drama abspielt: Rom, am 17. Juni 1880, zwischen den Mittag- und Nachtstunden. Alles andere ist Theater, Melodrama: Gesten, Worte, Nuancen in Stimmen und Bewegungen.

Die Anwesenheit der Primadonna Fiorenza Cedolins ist dabei entscheidend, ausschlaggebend. Sie debütierte im Jahre 1999 als Floria Tosca in der Arena; ihre jetzige Interpretation ist ein Meisterwerk der Synthese, in dem die szenische Wirkung, bestehend aus tausend Einzelheiten, das musikalische und stimmliche Können hervorheben und dem Sopran aus Friaul ermöglicht, tief in die Charakterisierung einzudringen: Stimme, Leidenschaft und Dramaturgie werden aneinandergereiht in einem dialektischen Vergleich und zeichnen mit eindrucksvoller Klarheit die komplexen Eigenschaften dieser Rolle. Das Ganze mit einer immer faszinierenden Klangfarbe, sei es im Legato bei den sentimental-erotischen Momenten, wie in der ausgedehnten Phrasierung bei der verbittert-tödlichen Begegnung mit Scarpia, beim Auflodern von Mut und Verzweiflung. Kontrolle und Einklang zwischen Handlung und Stimme: Fiorenza Cedolins ist in der Tosca endgültig gereift.

Stark hervortretend an ihrer Seite auch der Tenor Marcelo Alvarez. Sein Cavadarossi ist liebevoll und leidenschaftlich; er ist in der Lage, die heroisch-unbefangene Kraft, die Puccini für diese Rolle erwählt hat, mit großer Bestimmtheit vorzubringen, den Gesang mit wunderbar einschneidender Phrasierung, verführerischem Klang und brillanter Farbe von Leidenschaft und Verzweiflung zu befreien. Das begeisterte Publikum fordert und erhält die Zugabe der berühmten Romanze aus dem dritten Akt.

Ruggero Raimondi in der ausschlaggebende Rolle des Scarpia zeigt ein wechselhaftes Aushalten im vokalen Charakter (besser im zweiten Akt); die Aussprache ist teilweise ungenau, einige gute Passagen im Cantabile. Der Scarpia des berühmten Baritons aus Bologna ist mondän und hochmütig, er unterstreicht nicht die krankhafte Sinnlichkeit und die Machtlibido, die diese Rolle charakterisieren: dieser Scarpia ist kalt und deshalb gefährlich, doch fern von der Darstellung des Horrors, das Puccinis Partitur so meisterhaft darstellt.

In den Nebenrollen bedeutenswert ist Fabio Previati in der Rolle des Sakrestans, Marco Spotti ein dusterer Angelotti, Enrico Facini und Giuliano Pelizon zeichnen die Polizeiagenten Spoletta und Sciarone auf unbestimmter Weise ab. Die kleine Ottavia Dorrucci zeigt sich etwas erregt in der rolle des Schäfers, gut Angelo Nardinocchi als Wärter. Der Chor unter der Leitung von Marco Faelli singt das "Te Deum" mit Eifer und Teilnahme, "drückt" hingegen zu sehr hinter den Kulissen in der Szene der Cantata des zweiten Aktes.

Daniel Oren hatte bereits vor 22 Jahren Puccinis Meisterwerk in der Arena dirigiert. Diese Aufführung dirigiert er auf plastischer und lebendiger Art. Er achtet sehr auf Klang und insbesondere auf die Rundung der Phrase, neigt zu einer kommunikativen Wärme, die Puccinis melodische Erfindungen grundlegend erforscht, will die Einzelheiten von Timbre und Harmonie hervorheben, um vollends die heftige Dramatik dieses Werkes widerzugeben, das ein kluges Spiel zwischen Leidenschaft und Horror enthält. Eine extravertierte, brennende Interpretierung, abgespielt auf die dramaturgischen Erfordernisse, mit plötzlichen und mitreißenden Ausdruckswallungen.

Publikum den großen Ereignissen entsprechend (etwa 15.000 Zuschauer), voller Erfolg und großer Beifall für Sopran und Tenor, begeisterter Applaus am Ende. Hugo de Ana hat bei Entgegennahme des Beifalls sein politisches Engagement bekundet, das Hemd ausgezogen und dem Publik das rote T-Shirt mit einer Inschrift für den Frieden im Nahen Osten gezeigt.

Noch zwei Aufführungen im Juli und drei im August, immer samstags.

Erschienen am 16. 7. 2006 in der Zeitung l'Arena auf Italienisch, übersetzt von Sandra Guion - L' Arena


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